Fröhliche Trauergemeinde

Andrang beim letzten Tanzabend im Reichelsdorfer Keller

VON CLAUDINE STAUBER

Ausgetanzt, zugesperrt, abgerissen, so wird es kommen. Das Schicksal des Tanzhauses Reichelsdorfer Keller ist besiegelt. Noch ein bisschen Kinderfasching, dann ist Schluss. Ein Abschiedsbesuch.

Die Trauergemeinde ist überraschend ausgelassen, auf der Tanzfläche kein Durchkommen. Maskierte und Frauen im großen und kleinen Schwarzen wirbeln herum, als gäb’skein Morgen. Gibt es auch nicht, bald rollen die Bagger an. 90 Eigentumswohnungen sollen entstehen, wo der Foxtrott über 60 Jahre lang den Ton angegeben hat.

„Lauter fremde Leut’“ seien heute da, wundert sich eine Blondine draußen vor der Türe, wo sich die Rauchergemeinde um einen großen Aschenbecher versammelt. „Let’s dance again“, spielt das Duo „Excellent“ drinnen, diesen letzten Tanz wollen sich viele nicht entgehen lassen, auch wenn sie schon lange nicht mehr da waren. Es ist der Tante Emma-Laden-Effekt. Kurz vorm Zapfenstreich schaut man vorbei und vergießt Krokodilstränen.

Auf den Tischen wenig Wein, wenig Bier, viel Mineralwasser. Die meisten, sagt Keller-Chef Ralf Beyer, seien halt mit dem Auto da, auch wenn die S-Bahn in Sichtweite liegt. Der Verzehr, so der 54-Jährige, sei nicht mehr das gewesen, was er mal war. „Es gibt Samstage, da geht keine einzige Flasche Wein über den Tresen.“ Promillegrenze, Rauchverbot, das sind die Sargnägel der Tanz Gastronomie am Stadtrand.

Beyer hat verkauft, „es reicht“. Die dritte Generation gibt auf. Im Nebenzimmer stapeln sich Teller, Kaffeekannen, Vasen, alles muss raus und manche nehmen sich ein Andenken mit. Früher habe er mit jeder getanzt, die nicht schnell genug den Baum hinaufkam, sagt einer am Tisch in der Nische. Seit 1971 komme er aus Weißenburg her. Jetzt, mit 70, gehe er’s langsamer an. Wohin jetzt, wenn der Keller zusperrt? Der Mann zuckt die Achseln. Keine Ahnung. „Let’s twist again“, eine neue Runde, die Trauergemeinde schüttelt es durch.

Das Stadtarchiv hat schon angeklopft, erzählt Beyer, der über der Tanzfläche wohnt und später in den Neubau einziehen will. Alte Fotos und Unterlagen sollen archiviert werden, der Reichelsdorfer Keller war schließlich eine Nürnberger Instanz. Roy Black, Rex Gildo, Karel Gott, alle waren da.

Erika Hager auch, sie ist Stammgast, wohnt gegenüber und sitzt immer am ersten Tisch rechts, zusammen mit anderen Nachbarn. Eine80-Jährige sei darunter, sagt Hager: „Sie kommt seit 52 Jahren her, bis heute.“ Die Damen singen gerne zur Musik, wenn sie mal nicht tanzen. Bitter sei das Aus. Wo sollen sie hin, die Vertriebenen? Das fragen sich viele. „Darling, stand by me“, bleib bei mir, die Trauergemeinde wird wehmütig. Ruhe sanft, Reichelsdorfer Keller.

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Maskiert und im kleinen Schwarzen nahmen diese Frauen gut gelaunt Abschied vom Traditionslokal.

Ein letztes Mal wurde im Reichelsdorfer Keller getanzt, was die Füße hergaben.Fotos: Michael Matejka